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Die Corona-Krise ist wie ein Vergrößerungsglas – Ein Interview mit Vanessa Weber

27.04.20 / In 12 Min gelesen
Foto: Steffi Henn Photography

Das ist kein Albtraum! Wir kämpfen alle! Die Corona-Pandemie ist von nun an unsere Realität, die unsere volle Aufmerksamkeit auf sich zieht und unser Durchhaltevermögen mehr als je zuvor beansprucht. Dennoch ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, um die anfallenden Herausforderungen, die aus der Krise resultieren, meistern zu können und die Unternehmen erfolgreich durch die Krise zu manövrieren. In diesem Beitrag schildert uns Vanessa Weber, wie sie die Corona-Pandemie erlebt, was ihr Mut macht und wie sie als Unternehmerin den positiven Blick nicht verliert.

R. H.: Zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich trotz der herausfordernden Situation Zeit für dieses Interview genommen haben. Wie gehen Sie persönlich mit der aktuellen Lage um?  

V. W.: Als Unternehmerin schwankt meine Stimmung mehrmals am Tag zwischen Optimismus und Existenzangst. Einerseits frage ich mich: Gibt es meine Firma auch in einigen Monaten noch, wenn unsere Kunden schließen müssen? Andererseits sage ich mir: Wir müssen diese Krise auch als Chance betrachten.

R. H.: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihr Unternehmen und wie gehen Sie damit um?

V. W.: Als Großhandel dürfen wir weiterarbeiten und unsere Firmenkunden mit Werkzeug versorgen. Wir haben bereits in den letzten Wochen Maßnahmen umgesetzt, um unsere Kunden und Mitarbeiter zu schützen. Das Ladengeschäft mussten wir schließen, Abholungen von Werkzeugen sind kontaktlos nach einer Terminvereinbarung per Telefon weiter möglich. Durch die Erweiterung der Homeoffice-Möglichkeiten können wir unseren Geschäftsbetrieb weiterhin aufrechterhalten.

Auch wenn Besuche vor Ort in den letzten Wochen schwieriger waren, haben wir über neue Medien die gewohnte Beratungsqualität bieten können. Neben Telefon und E-Mail können sich die Kunden über Skype bzw. FaceTime ganz individuell beraten lassen. Wir stehen unseren Kunden ebenfalls per WhatsApp über unseren WhatsApp-Business-Account mit Rat und Tat zur Seite. Über unsere Website halten wir unsere Kunden auf dem Laufenden, wie wir aktuell für sie erreichbar sind.

R. H.: Was bedeuten für Sie die in KW 16 beschlossenen Maßnahmen zur schrittweisen Lockerung der Beschränkungen?

V. W.: Zunächst einmal habe ich Einwegmasken bestellt. Wir werden unser Ladengeschäft öffnen, zur Eindämmung der Risiken die Kunden aber weiter telefonisch beraten, Vorab-Bestellungen aufnehmen und, nach Terminvereinbarung, die Ware kontaktlos zur Verfügung stellen. Es ist eine Übergangsphase notwendig. Auch wenn es wieder zur Beratung vor Ort kommen wird, werden wir uns mit Einwegmasken und Desinfektionsmittel wappnen. Im Ladengeschäft werden wir sicherstellen, dass unsere Kunden die Geräte und Werkzeuge nicht anfassen. Falls dies doch passieren sollte, dann werden wir unsere Geräte und Werkzeuge auf jeden Fall desinfizieren. Außerdem mache ich mir Gedanken, wie wir in dieser Übergangsphase unsere internen Prozesse aufstellen und wie ich meine Mitarbeiter, die noch in Kurzarbeit sind, am besten einsetze.

R. H.: Wie gehen Sie mit dem digitalen Wandel um?

Die Corona-Krise ist wie ein Vergrößerungsglas, das die Lücken und Probleme der einzelnen Unternehmen nicht nur bei dem Thema Digitalisierung, sondern auch bei Prozessen, Aufgabenverteilungen, Personalbesetzungen usw. aufzeigt. Die Störungen, die bisher den Ablauf des Unternehmens nicht erschwert haben, werden nun auf dem Silbertablett präsentiert. 

Ein banales Beispiel aus meinem Unternehmen: Wir haben vor 5 Jahren angefangen, unsere Rechnungen digital zu versenden. Damals waren unsere Kunden davon nicht begeistert. Heute möchten sie es nicht mehr anders haben. Bloß kein Papier mehr, denn die Buchhaltung ist nun im Homeoffice. 

Wir holen jetzt auch Digitalisierungsthemen schnell auf. Es ist wichtig, sich dazu Gedanken zu machen. Was ist wirklich wichtig? Was überfordert? Welches Maß geht noch? Wo kann ich wen noch einsetzen? Wir gehen die digitalen Themen Schritt für Schritt an.

Wenn ich weniger Ressourcen zum Einsatz bringen kann, ob es jetzt Zeit oder Personal ist, dann muss ich effizienter werden. Die Digitalisierung hilft uns sehr dabei, diese Effizienz zu gewinnen – vorausgesetzt, ich setze sie richtig ein.

R. H.: Welche digitalen Themen gehen Sie in Ihrem Unternehmen an?

V. W.: Wir sind gerade an allen Fronten gefragt. Wir haben ein elektronisches Archiv implementiert, sodass wir komplett papierlos arbeiten können. Des Weiteren haben wir auf Microsoft Teams interne Aufgaben, Workflows wie z. B. Rechnungsfreigaben digital geregelt. Weiterhin arbeite ich mit dem Start-up „FutureLab“ zusammen, das sich mit dem Thema KI-Helfer beschäftigt. Die KI-Helfer bewerten die bereits in der Vergangenheit getätigten Einkäufe der Kunden, um ihnen vorab, völlig automatisiert die kundenspezifischen Produkte vorzuschlagen.

Unser Vorteil war, dass ich bereits die Strukturen für das Homeoffice als Präventionsmaßnahme vor der Krise geschaffen hatte, sodass die Mitarbeiter reibungslos im Homeoffice arbeiten konnten und weiterhin können. Ich habe mir gedacht, dass ich lieber die Lösung in der Schublade greifbar habe, um diese dann bei Bedarf herausholen zu können. Nach dem Motto „immer die Nase am Markt haben“.

R. H.: Welche Strategie verfolgen Sie als Unternehmerin in dieser ungewissen Zeit?

V. W.: In den vergangenen Wochen haben sich für mich einige Leitsätze herauskristallisiert und erneut bestätigt:

1. Entscheide von Tag zu Tag  

Wir sind abhängig davon, dass die Lieferketten der Industriewirtschaft weiter funktioniert. Und keiner weiß derzeit, was noch auf uns zukommen wird.

Gut möglich, dass ich heute eine Entscheidung treffe, die ich morgen schon wieder revidieren muss. Die Lage ändert sich momentan rasend schnell und die Regierung entscheidet sehr schnell über neue Gesetze, die ich als Unternehmerin akzeptieren muss. Wichtig ist, trotzdem Entscheidungen zu treffen.

Es ist wie ein Boot, in dem wir momentan alle sitzen. Je nachdem, ob die See ruhig oder stürmisch ist, das Boot benötigt nicht nur eine Kursangabe, um uns in den sicheren Hafen zu bringen, sondern muss permanent nachgesteuert werden – mal mehr, mal weniger. So ähnlich ist es auch jetzt. Es bedarf in dieser herausfordernden Zeit viel mehr Aufmerksamkeit, Nachsteuerung und Flexibilität, um den Kurs aufrecht zu halten. 

2. Kommunikation ist jetzt alles

Ich sehe es gerade als meine wichtigste Aufgabe, offen mit meinen Mitarbeitern und Kunden zu kommunizieren. Ich schicke zum Beispiel täglich Rundmails und Infos via Teams, im Zweifel aufs private Handy per WhatsApp an meine Mitarbeiter und halte sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Mir ist es wichtig, jetzt für mein Team da zu sein. Ich merke, dass der Redebedarf hoch ist, mein Telefon steht nicht still.

Momentan arbeite ich nicht komplett zu Hause, sondern auch in meinem Büro in der Firma. Wir haben hier viel Platz, jeder kann in einem separaten Raum sitzen und selbstverständlich halten wir uns an die Abstandsregeln und alle Vorgaben. Einige Mitarbeiter waren schon vor der Krise im Homeoffice, jetzt sind es fast alle.

Wir führen jeden Morgen um 10.00 Uhr einen Team-Call durch, besprechen die Arbeitsaufträge und tauschen uns über den aktuellen Stand aus. Wir haben auch vier Azubis, davon sind drei im ersten Lehrjahr. Mit ihnen spreche ich nochmal separat. Die Herausforderung im Homeoffice besteht darin, dass es viel mehr Telefonate und Abstimmung bedarf. Die Kommunikation ist eine andere, da man genau schauen muss, wie man etwas zeigt oder kommuniziert. Es ist natürlich viel einfacher, Themen weiterzugeben, wenn man gemeinsam an einem Tisch sitzt. Aber gemeinsam geht alles.

3. Haltet zusammen

Es gibt mir viel Kraft zu merken, wie geschlossen mein Team hinter dem Unternehmen steht. Jeder ist intrinsisch motiviert und alle haben sofort ihren Kopf angeknipst und nach Lösungen gesucht – etwa, wie wir unseren Onlineshop verbessern können. Es bringt ja nichts, jetzt wie ein Kaninchen vor der Schlange zu sitzen.

Wir haben letztendlich alle dasselbe Bestreben: nämlich das Unternehmen durch die Krise zu bringen. Wenn jeder diese Vision auf dem Schirm hat, dann gibt auch jeder seinen Input dazu. Wir sind alle voneinander abhängig. Keinem meiner Mitarbeiter ist damit geholfen, wenn wir am Ende des Tages Konkurs anmelden müssen. 

Wofür ich meinem Team auch sehr dankbar bin: Alle haben die Kurzarbeit akzeptiert, ohne Diskussionen. Ich merke, wie sich jeder reinhängt und auch freiwillig Zugeständnisse macht, die mir jetzt helfen, das Unternehmen am Laufen zu halten. Das ist nicht selbstverständlich und das macht mich unheimlich stolz! Gleichzeitig ist mir bewusst: Für mein Unternehmen bin ich systemrelevant. Ich darf nicht krank werden. Auch hier gilt es, einen vernünftigen Mittelweg zu finden.

Auch unsere Kunden helfen uns mit schnelleren Zahlungen oder weiteren Aufträgen. Toll, so etwas zu erfahren.

4. Denke um

In der Krise zeigen sich Störungen im System, die vorher nicht weiter aufgefallen sind. Meine Überlegungen dazu sind natürlich, die richtigen Wege aus der Krise zu finden und wie wir unseren fehlenden Umsatz kompensieren können. Der tägliche Austausch mit unseren Kunden hilft uns auch, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die aktuelle Lage in anderen Unternehmen ist. Wir beschäftigen uns viel mit Marketing und überlegen, welche Neuerungen für uns in Frage kommen könnten. Wir werden nun vermehrt auf LinkedIn auftreten. 

Ich kümmere mich gemeinsam mit einem Start-up-Unternehmen wieder um das Projekt „Mietboxen“. Wir haben z. B. auf Parkplätzen Mietboxen mit Werkzeugen aufgestellt, wo sich die Kunden 24/7 kontaktlos Werkzeuge per „Knopfdruck“ kaufen können. Außerdem haben wir auch Abholstationen, ähnlich dem Prinzip der DHL-Paketstationen, aufgestellt. Hier können die Kunden auch kontaktlos bezahlen.

R. H.: Sie hatten in unserem Gespräch erwähnt, dass Ihre Mitarbeiter sehr motiviert mitarbeiten. Sie haben sicherlich schon vor der Krise etwas dazu beigetragen?

V. W.: Ja klar! Das Thema Werte und Umgang stand bei uns schon vor der Krise hoch im Kurs. Die Krise bringt nicht nur das Negative ans Tageslicht, sondern verstärkt auch das Positive in meinem Unternehmen. Alles, was bisher gut war, ist jetzt nochmal besser bzw. deutlicher geworden, z. B. der Zusammenhalt meiner Mitarbeiter. Die Werte treten deutlicher zutage. Bereits beim Einstellungsprozess von Mitarbeitern achten wir gezielt auf deren Werte, z. B. bei einem Probearbeitstag. Währenddessen stehe ich mit der jeweiligen Fachabteilung in regem Austausch. Außerdem prüfen wir auch sehr sorgfältig, wer zu uns kommt und wer zu uns passt. Ich sage immer, dass man Aufgaben jedem beibringen kann, aber ein Charakter muss von Anfang an passen. Wir sind ja ein Familienunternehmen und der Kandidat muss in die Familie passen. Alles andere kriegen wir hin.

R. H.: Was nehmen Sie persönlich aus der Krise mit?

V. W.: Es ist in der Krise deutlich geworden, dass man sich auch über die Endlichkeit Gedanken machen sollte. Habe ich eine Patientenverfügung oder habe ich in dem Unternehmen alles geregelt für den Fall, dass ich nicht mehr da bin?

Wichtig ist, die positive Einstellung zu bewahren. Es ist mir einmal mehr bewusst geworden, wie wichtig der soziale Austausch ist und wen man eigentlich wirklich vermisst. Als Unternehmerin war ich auf sehr vielen Veranstaltungen und unterstütze auch sehr viel ehrenamtlich. Nun wird auch klarer, welche Termine oder Meetings wirklich erforderlich sind. Zudem lässt sich hierbei die eine oder andere Dienstreise einsparen, da man einige Themen auch über Webmeetings besprechen kann. Ein angenehmer Nebeneffekt ist hier der Aspekt der Nachhaltigkeit.

R. H.: Wie schaffen Sie es, trotz der Situation eine positive Einstellung zu bewahren?

V. W.: Es ist eine grundlegende Lebenseinstellung – ich kann da gar nicht anders. Ich habe Angst und auch negative Gedanken. Ich habe häufig schlecht geschlafen. Aber am Ende des Tages nützt es ja nichts, und die Situation wird vorbeigehen. Darauf muss man sich fokussieren. Es hat alles immer zwei Seiten und ich versuche, die positive Seite zu betrachten. 

So wie das Zitat von Aristoteles:

„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“

Und genau so sehe ich das. Ich habe keinen Einfluss darauf, wie sich das Meer und die Wellen entwickeln werden. Aber ich kann die Situation akzeptieren und lernen, damit umzugehen. Dies ist auch ein entscheidender Punkt. Jammern hilft nichts!

R. H.: Wie lautet Ihr persönlicher Appell an die anderen Unternehmen?

V. W.: HALTET DURCH! Es ist eher ein Marathon als ein Sprint. Teilt eure Ideen und euer Netzwerk. Das ist so wichtig. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen, und teile zum Beispiel auf meiner Facebook-Seite alle cleveren Ideen, die mir jetzt begegnen. Sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen ist jetzt wichtiger denn je! Und nehmt Euch auch die Zeit, die ihr für Euch benötigt!

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich täglich an meiner Belastungs- und Kapazitätsgrenze bin. Es ist zwar besser geworden, da sich mittlerweile eine Routine findet, aber es ist trotzdem mental sehr anstrengend, weil man sich permanent auf neue Themen einstellen muss und weiterhin in einer Unsicherheit lebt. Die Risiken kann man im Unternehmen selbst sehr gut steuern, dennoch bleibt ein Restrisiko, dass es zu jeder Zeit jedes Unternehmen treffen kann. Deshalb ist es wichtig, sich mal aus dem Geschehen herauszunehmen bzw. sich mal eine „Auszeit“ zu gönnen. Ich rede hier nicht von einem Sabbatical, sondern davon, mal eine Stunde lang spazieren zu gehen, Fahrrad zu fahren oder ein Buch zu lesen, was auch immer einem in der aktuellen Zeit guttut. Und man sollte den Blick darauf richten, dass es ein Krisenende geben wird.

Ich wünsche euch allen viel Kraft, mit einem positiven Blick in die Zukunft und Gesundheit in dieser schwierigen Zeit.

Ein Interview zwischen Vanessa Weber, Geschäftsführerin der Werkzeug Weber GmbH & Co. KG, die Industrie- und Handwerkskunden mit Werkzeugen, Büro- und Betriebseinrichtungen ausstattet, und Regina Harjung, Consultant & HR Interim Managerin bei Blackbull International GmbH. 

Über die Interviewpartnerin:

Vanessa Weber ist Geschäftsführerin der Firma Werkzeug Weber GmbH & Co. KG in Aschaffenburg und Unternehmerin aus Leidenschaft. Bereits als Kind hatte Vanessa Weber mit Werkzeugen aller Art zu tun, denn sie ist damit im elterlichen Betrieb aufgewachsen. Im Alter von 22 Jahren stand sie vor der großen Aufgabe, das Unternehmen als Nachfolgerin zu übernehmen. Sie stellte sich dieser Herausforderung und hat es gemeinsam mit ihrem Team in den letzten zehn Jahren geschafft, den Umsatz zu verfünffachen und den unternehmerischen Erfolg der Firma grundlegend neu zu gestalten. Sie setzte auf Innovationen und neue Geschäftsfelder. Heute ist sie neben ihrer Tätigkeit für ihre Firma als Vortragsrednerin tätig, vermittelt ihr Fachwissen und ihren Erfahrungsschatz rund um die Themen Nachfolge, Erfolg und Führung und zählt mittlerweile zu den „100 besten Erfolgstrainern in Deutschland und Österreich“. 

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Hinweis: Der Inhalt des Artikels spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung des Interviewpartners wider.

 

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