Zurück zur Übersicht

Führung in der Krise

23.04.20 / In 5 Min gelesen
Foto: Jürgen Mai

Krisenzeiten erfordern eine besondere Führung sowohl in der Gesellschaft als auch in einem Unternehmen. Der Bedarf an Führung unterscheidet sich dann auch noch davon, ob es eine globale Krise wie eine Pandemie oder aber eine rein auf ein Unternehmen beschränkte Krise handelt. Im ersteren Fall sind die Ängste und die Unsicherheit bei den Menschen naturgemäß noch größer.

Aber ein paar Dinge sind in allen Fällen wichtig. Menschen wünschen sich klare Aussagen und brauchen Vertrauen in ihre Führungskräfte. Dazu gehört Verlässlichkeit und Richtungsvorgaben – zum Beispiel klare Regeln darüber, wann neue Entscheidungen anstehen und kommuniziert werden.  Nun kann man dies unterschiedlich darstellen. Führung kann man durch harte Ansagen und vermeintliche Unfehlbarkeit vermitteln.  

Man kann Führung aber auch ausüben - und ich persönlich glaube das ist die bessere Variante - indem man zunächst zuhört, nachfragt und dann Entscheidungen trifft. Wichtig ist, dass diese Entscheidungen auch transparent gemacht und erklärt werden. Es sollte auch kommuniziert werden, dass diese Entscheidung unter Unsicherheit getroffen wurde und damit eventuell auch korrigiert oder revidiert werden muss, wenn neue Erkenntnisse dazu kommen. Wichtig ist es auch, Menschen zu selbstverantwortlichem Handeln und Entscheiden in für sie beherrschbaren Situationen zu animieren. Delegation und Eigenverantwortung führen häufig weiter als Regeln, die nicht in jedem Fall gleich sinnvoll sind. Hier helfen aber gemeinsame Werte und Ziele. 

Ich stelle fest, dass Menschen in Bezug auf Führung durchaus etwas schizophren agieren. So ist der vermeintlich unfehlbare „Held“ etwas, an das wir gerne glauben möchten. Und die heutige Medienlandschaft bedient dieses Bild, so dass Unternehmenslenker und Politiker, die sich so stilisieren, durchaus eine Zeitlang als die besseren Führungskräfte dargestellt werden. Gleichzeitig, häufig um kurzfristige Unzufriedenheit zu lindern, gibt es eine Neigung zu Versprechen und zur Vermittlung guter Nachrichten, die aber nicht unbedingt eingehalten werden können. Dies ist allerdings mittelfristig nicht vertrauensfördernd. 

Im Alltag, je näher Menschen der Situation und je betroffener sie sind, desto mehr vertrauen sie einer Führungskraft, die glaubwürdig, ehrlich und transparent Entscheidungen erkennt und erklärt, ohne etwas zu beschönigen. (Es hilft natürlich, wenn dies schon vor der Krise so praktiziert wurde.)

Wichtig zu wissen ist, dass in der Vergangenheit, häufig aufgrund guter Umstände in Wirtschaft und Unternehmen, Entscheidungen zurückgestellt wurden. In Unternehmen wie auch in der Politik wurde eher versucht, durch tiefgehende Analysen vor der Entscheidung eine vermeintliche Sicherheit zu schaffen, die es in Entscheidungssituationen nicht geben kann. Dies führt dazu, dass einige der Führungspersonen es nicht gewohnt sind, schnell Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, die in der Krise aber notwendig sind.

Ich finde es interessant, dass derzeit in den Medien häufig die martialischen Sprüche berichtet werden und die Persönlichkeiten, die diese Sprüche machen als „Krisenmanager“ gefeiert werden, gleichzeitig aber die Länder, die zum Beispiel in der Corona-Krise erfolgreich sind, eher leise geführt werden. Und ja – es sind vielfach Frauen, die diese Erfolge vorweisen können. Trotzdem gilt das Stereotyp, dass Männer in Krisen besser führen.  

Vermittelt wird auch eher das operative Agieren, welches vermeintlich Handlungsfähigkeit suggeriert. Und es stimmt ja auch, dass Menschen es viel schwieriger aushalten, geduldig abzuwarten. Schnelles operatives Agieren kann in unsicheren Zeiten aber schneller zur Revision und damit Unsicherheit führen als ein geduldiges Erklären. Gleichzeitig ist wichtig, dass die Führung nicht nur kurzfristig und operativ agiert, sondern auch die Zukunft im Auge behält und in der Lage ist zu beurteilen, welche Auswirkungen kurzfristige Aktionen auf die langfristigen Ziele hat. Ein schönes Beispiel ist die Diskussion über die Notwendigkeit an den Klimazielen festzuhalten oder diese zunächst zu Gunsten eines schnellen Wachstums zu vernachlässigen. Dabei vergisst man, dass auch die Klimakrise eine globale und lebensbedrohende allerdings schleichendere Bedrohung als Covid-19 ist. Und dass Corona uns vielleicht einen Fingerzeig gibt, was eine Krise für die gesamte Weltbevölkerung bedeutet und egoistisches Handeln hier wenig zielführend ist. 

Ich trete daher für Diversität auf allen Führungsebenen ein. Es ist nie eine Person allein, die Ergebnisse erzielt. Es ist ein Team, davon sind einige Experten, einige bedacht und einige die charismatischen Menschen, denen Menschen instinktiv vertrauen und folgen. Wichtig ist es, dies zu erkennen und für die Menschen, die vermeintlich allein an der Spitze die Erfolge vermelden, dies auch selbst zu erkennen, um nicht in Narzissmus zu verfallen. 

Entscheidend ist auch das Menschenbild, welches gilt. Menschen, Mitarbeiter genau wie Bürger sind in der Lage, komplexe Situationen zu verstehen, wenn man diese gut erklärt. Und dann sind sie auch in der Lage in ihren selbstbestimmten Gebieten für sich die richtigen Entscheidungen zu treffen – ohne dass es für alles eine Regel gibt oder Verbote gelten.  

Wir alle, ob als Führungskräfte, als Mitarbeiter und als Bürger können in jedem Fall dazu beitragen, Krisen zu meistern.  Dies kann durch konstruktiv kritische Fragen, transparente Kommunikation des eigenen Verhaltens und der eigenen Entscheidungen sowie des Weitertragens und Erläuterns wichtiger Themen geschehen.

Über den Autor:

Simone Menne ist eine der einflussreichsten deutschen Managerinnen. Sie ist Multi-Aufsichtsrätin (u.a. BMW und Deutsche Post DHL) sowie ehem. Vorständin der Lufthansa und von Boehringer Ingelheim. Sie war im In- und Ausland tätig und betreibt nun in ihrer Geburtsstadt Kiel eine Galerie.

Sie haben Fragen an den Autor? Kontaktieren Sie uns.

Hinweis: Der Inhalt des Artikels spiegelt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wider.

Leadership - Mehr zum Thema

Mehr Beiträge - die Sie interessieren könnten